Gewaltfreie Kommunikation: Beobachten ohne zu bewerten


Der indische Gelehrte Jiddu Krishnamurti sagte eins: „Die höchste Form menschlicher Intelligenz ist beobachten ohne zu bewerten.“ Doch warum ist das so? Beobachten ohne zu bewerten, erfordert reine Achtsamkeit und bedeutet, die Dinge so sehen zu können wie sie sind (Wirklichkeit), ohne sie mit den eigenen Gedanken und Wertvorstellungen zu vermischen (Realität). Wenn dir Gewaltfreie Kommunikation, Sprache des Lebens oder Giraffensprache, wie sie auch genannt wird, bereits etwas vertraut ist, ist dir klar, dass der erste wichtige Schritt, um eine einfühlsame Verbindung herzustellen, das Äußern einer reinen Beobachtung ist. Das hört sich zuerst einmal ganz leicht an, ist in der Praxis dann oft doch nicht so einfach umsetzen.  In den Einzel-Coachings und Seminaren,  die ich anbiete, ist dieser erste Schritt oft der schwierigste für die Teilnehmer*Innen. Deshalb möchte ich dir mit diesem Artikel zeigen, wie du klare Beobachtungen formulierst, die bei deinem Gegenüber auch als solche ankommen, und nicht etwa als Kritik oder Vorwurf gehört werden.

Bewertungen von Beobachtungen unterscheiden

Um reine Beobachtungen zu formulieren, brauchst du die Fähigkeit, sie von Bewertungen und Interpretationen unterscheiden zu können. Im Folgenden findest du eine Liste mit Merkmalen von Bewertungen und Interpretationen sowie Beobachtungen:

Bewertungen

  • unspezifisch / verallgemeinernd / pauschalisierend
  • meistens fehlt der konkrete Bezug zu einer Handlung
  • oft von einer Person auf mehrere schließend
  • Annahmen über die Zukunft (auf Grund der Vergangenheit)
  • Es werden keine Zahlen, Daten oder Fakten genannt
  • Es wird sich nicht auf das eigene oder das Empfinden des anderen bezogen, sondern die eigene Wahrnehmung als feste Wirklichkeit dargestellt
  • Worte/Wortgruppen die auf eine Bewertung hindeuten: immer, nie, niemals, jederzeit, häufig, selten, oft, ständig, du bist …, er/sie ist …, sie sind …

Beobachtungen

  • Spezifisch
  • Beziehen sich auf eine Handlung oder Situation
  • Beziehen sich auf eine Person oder eine bestimmte Gruppe von Personen
  • Beschreibung des Ist-Zustandes, ohne sich auf die Vergangenheit zu berufen oder Annahmen über die Zukunft zu machen
  • Schließt ggf. das eigene Empfinden oder das des Gegenübers mit ein
  • Es werden ggf. Zahlen, Daten oder Fakten genannt

Auf Youtube habe ich ein Video von Marshall Rosenberg gefunden, in dem er anschaulich erklärt, wie wichtig Beobachtungen für die Gewaltfreie Kommunikation und das Integrieren einer einfühlsamen Haltung sind. In seinem Buch Gewaltfreie Kommunikation Eine Sprache des Lebens schreibt er außerdem, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, dass wir nicht mehr interpretieren, doch das wenn wir es tun, wir die Verantwortung dafür übernehmen.

Jetzt weist du anhand welcher Merkmale du eine Beobachtung von einer Bewertung oder Interpretation unterscheidest. Damit dieses Wissen auch wirklich in dir vertieft wird, habe ich eine kleine Infografik kreiert und mir zwei Übungen für dich ausgedacht.

Gewaltfreie Kommunikation Beobachtungs Check, Michael Taube

Gewaltfreie Kommunikation: Übungen zur Beobachtung

Für die erste der beiden Übungen brauchst du ca. fünf Minuten Zeit und etwas, um deine Antworten zu notieren (Notizzettel, Notizen-App). Bei den folgenden zehn Sätzen handelt es sich entweder um eine Beobachtung oder eine Interpretation/Bewertung. Notiere deine Antwort mit einem I/BEW für Interpretation/Bewertungen und B für Beobachtung.

  1. Mein Chef mag alle anderen Kollegen lieber als mich.
  2. Das du den Teller gegen die Wand geworfen hast, gefällt mir ganz und gar nicht.
  3. Du hast lauter mit mir gesprochen, als mir lieb ist.
  4. Dieser Autobahnraser ist eine Gefahr für alle anderen.
  5. Du hast schon wieder deine Socken auf dem Sofa liegen lassen.
  6. Die Ampel ist grün und sie fährt nicht weiter.
  7. Wenn er mir aus dem Weg geht, empfindet er wohl nichts mehr für mich.
  8. Du redest ununterbrochen.
  9. Da warst du aber ganz schön fleißig.
  10. Ich habe nicht gesehen, dass du in dieser Woche den Müll weggebracht hast.

Bei den nächsten drei Sätzen handelt es sich um Interpretationen und Bewertungen. Deine Aufgabe besteht darin, dass du diese in Beobachtungen umwandelst. Schreibe mir deine Antworten als Kommentar oder als E-Mail. Frage dich: Was könnte die Person, welche diese Sätze sagt, gesehen oder gehört haben. Um es dir noch leichter zu machen, kannst du mit der Formulierung: Ich sehe, Ich sah, Ich höre oder Ich hörte beginnen.

  1. Du fährst Auto wie meine Oma.
  2. Ihr Hund hätte mich beinahe gebissen.
  3. Was ich sage, geht bei dir in ein Ohr rein und durch das andere wieder heraus.

Die Antworten zur ersten Übung und drei mögliche Formulierungen, findest du am Ende des Artikels.

Was dir außerdem dabei hilft deine Beobachtungsgabe zu schulen, sind Achtsamkeitsmeditationen. Durch stilles sitzen, liegen oder gehen, bei dem du deine Aufmerksamkeit entweder auf deinen Atem, deinen Körper, Geräusche in der Umgebung oder deine Gedanken richtest und deine Eindrücke nur wahrnimmst, lernst du vollkommen präsent im Moment zu sein, auch wenn es einmal hart auf hart kommt.

Ich hoffe ich konnte dir mit diesem Artikel helfen und dir ist klarer geworden, wie du es schaffst, Beobachtungen zu formulieren, die frei von jeglichen Wertungen/Interpretationen sind.

Wenn dir der Artikel gefällt, trage dich doch in meinen Newsletter Für mehr Erfüllung im Leben ein. Als Dankeschön erhältst du von mir das Ebook 10 Tipps für mehr Erfüllung im Leben und ein Handout welches die Gewaltfreie Kommunikation und ihre vier Schritte darstellt.

Denke daran: Nichts auf der Welt hat eine Bedeutung, außer der Bedeutung, die du ihm gibst!

Michael

 

 

 

 

 

 

Antworten zu den Übungen

  1. Interpretation – Die Person denkt, dass der Chef alle anderen Kollegen lieber mag, doch es nicht genau was der Chef tut, was die Person diesen Gedanken haben lässt.
  2. Beobachtung – Klare Beschreibung und Übernahme der Verantwortung des eigenen Gefühlszustands (auch wenn hier kein konkretes Gefühl benannt wird)
  3. Beobachtung – Die Person stellt fest, dass der/die andere lauter Sprach, als ihr selbst lieb ist und bezieht sich auf ihr eigenes Empfinden.
  4. Interpretation
  5. Interpretation – schon wieder ist unspezifisch und klingt nach einem Vorwurf
  6. Beobachtung
  7. Interpretation
  8. Interpretation – ununterbrochen stimmt höchst wahrscheinlich nicht
  9. Interpretation
  10. Beobachtung

 

  1. Du fährst seit einer Stunde hinter diesem Traktor ohne nur einmal versucht haben zu überholen.
  2. Ihr Hund kam bellend ohne Leine auf mich zu und sprang an mir hoch.
  3. Ich habe dir erklärt das ich nicht möchte das du zu dieser Party gehst und du hast es trotzdem getan.

 

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